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ADHS diagnostizieren

ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat genau definiert, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit eine ADHS-Diagnose gestellt werden kann. Diese Symptome (Unaufmerksamkeit, Impulsivität, Hyperaktivität) nennt man Kernsymptome. Trotzdem ist es ratsam, die Diagnose von einem Experten für ADHS stellen zu lassen, da der Arzt viel Erfahrung mitbringen und er oder sie sich intensiv damit befasst haben wird, wie sich das Krankheitsbild bei Erwachsenen darstellt und wie es sich auf das Leben der Betroffenen und der Menschen um sie herum auswirkt.

Die Kernsymptome kann man sich im Erwachsenenalter folgendermaßen vorstellen:

Aufmerksamkeitsstörung

Aufmerksamkeitsstörung

Schwierigkeiten sich zu organisieren, Wechsel zwischen völligem Aufgehen in einer Sache und Zerstreutheit, Alles vor sich herschieben, Unvermögen, im Voraus zu planen, Vergesslichkeit, Unpünktlichkeit, Schwierigkeiten, mehrere Aufgaben gleichzeitig auszuführen, Fehleinschätzung, der für die Durchführung einer Aufgabe erforderlichen Zeit, Unvermögen, Aufgaben zu Ende zu bringen, Pläne umzusetzen, Ablenkbarkeit, wenn die Umgebung nicht ganz ruhig ist, Schwierigkeiten, längeren Ausführungen zu folgen.32

Hyperaktivität:

Hyperaktivität:

Unfähigkeit zu entspannen, unruhiger Schlaf, übermäßig aktiver Lebensstil, sich dauerhaft ziellose bewegen.

Impulsivität:

Impulsivität:

Enthemmtes Verhalten (Unfähigkeit zu warten; Frühere Schwangerschaften, Konflikte), Erhöhtes Suchtrisiko, häusliche Gewalt, Unfälle, Sprechen und Entscheidungen treffen, ohne zu überlegen, Probleme in Beziehungen und am Arbeitsplatz, Suche nach dem Kick oder antisoziales Verhalten.19,33

 

Um eine ADHS-Diagnose stellen zu können, müssen die folgenden Punkte durch den Arzt geklärt werden34:

  • Es ist genau definiert, welche der Kernsymptome wie stark und über welchen Zeitraum bei dem einzelnen Patienten vorhanden sein müssen.
  • Es muss bis in die Kindheit zurückverfolgt werden können, dass damals schon ausgeprägte Symptome vorhanden gewesen waren, die schon in der Kindheit zu größeren Problemen geführt hatten.
  • Die Symptome müssen in mehreren Lebensbereichen zu deutlichen Beeinträchtigungen führen (z.B. bei der Arbeit und zu Hause).
  • Die Symptome sind nicht durch eine andere psychische Störung erklärbar.

 

Der amerikanische Wissenschaftler Paul H. Wender beschreibt in den sogenannten Utah-Kriterien neben den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität noch vier weitere Symptomgruppen, welche er als typisch für Erwachsene mit ADHS ansieht35:

  1. Desorganisation
  2. emotionale Labilität (d.h. schnelle Stimmungsschwankungen)
  3. vermehrte Temperamentsausbrüche
  4. verminderte Stresstoleranz

 

Berücksichtigt man diese zusätzlichen Symptome, schärft das gleichzeitig den Blick für spezielle Probleme des Betroffenen. Nachdem der Arzt eine Bestandsaufnahme über die Symptomatik und die sich daraus ergebenden Probleme und Beschwerden des Erwachsenenalters gemacht hat, kann er die Entscheidung über Art und Umfang der erforderlichen Behandlung vorbereiten. Dazu benötigt man meist mehr als einen Termin beim Arzt und etwas Geduld.

Die ADHS-Diagnostik in der ärztlichen Praxis36

In der ärztlichen Praxis ist es beim Erwachsenen einfacher die Diagnose ADHS zu stellen, wenn die Erkrankung bereits in der Kinder- und Jugendzeit diagnostiziert und behandelt wurde. In diesen Fällen ist zu prüfen, ob und in welchem Umfang sich die Symptomatik im Erwachsenenalter fortgesetzt und wie sie sich verändert hat.

Nicht selten kommen aber Erwachsene zur Diagnostik, bei denen die Diagnose in der Kindheit und Jugend nicht gestellt wurde, obwohl sich aus dem Bericht der Betroffenen ergibt, dass eine entsprechende Symptomatik vorhanden gewesen sein könnte. In diesen Fällen gestaltet sich das diagnostische Vorgehen schwieriger: Weil ADHS im Erwachsenenalter nicht neu entstehen kann, genügt es nicht, dass aktuell ADHS-Symptome vorhanden sind, vielmehr muss rückblickend gezeigt werden, dass bereits im Schulalter typische Symptome vorhanden waren und danach bis ins Erwachsenenalter andauern. Beschwerden, die denen von Betroffenen mit ADHS ähnlich sind, kann es nämlich auch bei anderen psychischen und sogar bei manchen körperlichen Erkrankungen geben. Darüber hinaus müssen durch die ADHS in verschiedenen Lebensbereichen Leidensdruck und deutliche Beeinträchtigungen bestehen.

Sehr hilfreich für die Diagnostik durch den Arzt ist es, wenn Eltern oder andere Personen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld mit zur Untersuchung kommen oder bereit sind, telefonisch Auskunft zu geben. Wichtig ist es, dass sie den Patienten schon in der Kindheit kannten und darüber Auskunft geben können. Möglicherweise sind aus der Kindheit auch Schulzeugnisse oder andere schriftliche Dokumente vorhanden. Die sollte man dann seinem Arzt mitbringen, weil er sich auch darüber einen Eindruck vom Verhalten und den Problemen in der Kindheit verschaffen kann. Gibt es niemanden, der von früheren Zeiten berichten kann, ist es in der Regel aber trotzdem möglich, eine ADHS-Diagnose zu stellen. In diesem Fall muss sich der Arzt auf die Erinnerungen des Betroffenen an seine Kindheit verlassen.

Darüber hinaus sind auch die Auswirkungen der ADHS in den verschiedenen Lebensbereichen (Arbeitsplatz, Partnerschaft, Freizeit usw.) zu erfassen. Funktionsbeeinträchtigungen, also dass man das nicht hinkriegt, was man als Erwachsener ohne Unterstützung bewerkstelligen können müsste, sind nicht nur wichtige Kriterien im Rahmen der Diagnose nach ICD-10, sie haben auch Einfluss auf die Auswahl der geeigneten Behandlungsmethoden.

Nicht zuletzt gehört zur ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter auch die Feststellung eventueller begleitender, zusätzlicher, sogenannter komorbider Erkrankungen. Die Feststellung der ADHS beim Erwachsenen ist ein komplexer Vorgang. Der diagnostische Prozess erfordert viel Erfahrung des Arztes und eine genaue Kenntnis des Krankheitsbildes im Erwachsenenalter, denn Anteile der zentralen Symptomatik der ADHS mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität können auch bei anderen Krankheiten oder in Belastungssituationen und Lebenskrisen vorkommen. Da auch mal körperliche Erkrankungen, wie z.B. eine Schilddrüsenüberfunktion oder Blutarmut, Beschwerden machen können, die man mit ADHS verwechseln könnte, ist es während des diagnostischen Prozesses auch wichtig, über körperliche Erkrankungen zu sprechen.

Diagnostische Hilfen36

Die Stellung einer Diagnose kann durch die Anwendung spezieller Diagnostik-Instrumente erleichtert werden. Hierbei werden Selbstbeurteilungs- und Fremdbeurteilungsverfahren unterschieden. Bei den Selbstbeurteilungsskalen wird den Betroffenen ein Fragebogen vorgelegt, der entsprechend der Instruktionen selbst beantwortet werden soll. Fremdbeurteilungsskalen sind Fragebögen, die von Angehörigen oder anderen Personen aus dem direkten Lebensumfeld ausgefüllt werden. Diagnostische Checklisten oder ausführliche Interviews liegen für den Fachmann vor.

Habe ich ADHS? Ein Selbst-Test für erste Hinweise

Viele Erwachsene leben schon ihr gesamtes Leben mit ADHS und merken nicht, dass ihre alltäglichen Probleme auf eine Störung zurück zu führen sind. Dieser ADHS Screening-Test mit einer Selbstbeurteilungs-Skala für Erwachsene kann als Ausgangspunkt dienen, um ADHS-Symptome im Erwachsenenalter zu erkennen. Er wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt und ist ein validiertes Testinstrument. Das Ergebnis dieses Tests ist als ein erster Hinweis auf eine möglicherweise vorliegende ADHS zu verstehen, der durch eine ausführliche Diagnostik bestätigt (oder auch entkräftet) werden muss. Falls der Test positiv ausfällt, suchen Sie bitte einen Spezialisten auf, der mit Ihnen eine detaillierte Diagnostik durchführt und Sie berät.

Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit, um den Test herunterladen, auszudrucken und auszufüllen.

 

 

 

 

 

 


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