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Newsletter 04 2008

Wenn der Spielspaß zur Sucht wird

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„Man spricht von ‚Freizeitaktivität’, treffender könnte man sagen ‚Freizeitpassivität’.

Erich Fromm (1900-1980), Psychoanalytiker

 

Internet und Computer sind aus dem Leben – auch von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. 89 Prozent aller 6- bis 13-Jährigen in Deutschland steht zu Hause ein Computer zur Verfügung1. Heute spielen bereits 15 Prozent aller Kinder täglich mit dem Computer, 45 Prozent ein- bis mehrmals pro Woche – Tendenz steigendi. Allein von 2005 auf 2006 nahm die Computernutzung bei den Jungen um fünf Prozent zui. Vielen Eltern fällt es schwer zu beurteilen, wie viel Beschäftigung mit dem Computer ihrem Kind tatsächlich gut tut. Zur Verunsicherung tragen nicht zuletzt auch Berichte über die Zunahme des exzessiven Computerspielverhaltens bei Kindern und Jugendlichen bei. Laut einer Studie erfüllen bereits 9,3 Prozent der 11- bis 14-Jährigen die Kriterien für ein suchtähnliches Verhalten2. Als Folge von Computersucht wurden hier Defizite im Kommunikationsverhalten, in der Konzentrationsfähigkeit und bei der Bewältigung negativer Gefühle festgestellt.

Die Sorge vieler Eltern ist also nicht unberechtigt. Dennoch wäre es falsch, die Nutzung von Computer(-spielen) generell abzulehnen: Der frühe Umgang mit dem sogenannten „4. Kulturgut“ ist vor allem im Hinblick auf den späteren beruflichen Lebensweg wichtig – es gibt kaum noch einen Job, der heute ohne Computer auskommt. Zudem können selbst unterhaltsame Spiele einen didaktischen Nutzen für das Kind haben, indem sie z. B. dessen Problemlösungsfähigkeit schulen. Sogenannte Lern- und Edutainment-Spiele wurden sogar speziell dafür entwickelt, bestimmte Kompetenzen und Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Geschicklichkeit oder Gedächtnisfähigkeit zu trainieren (siehe Rubrik „Service“).

 

 Bildquelle: Irisblende

 

„Im Spiel bin ich der Held“

Bedenklich wird es allerdings dann, wenn ein Kind immer mehr Zeit in der virtuellen Welt verbringt und die Realität darüber an Wichtigkeit verliert. Vor allem für Jungen stellen Computerspiele oft eine Möglichkeit dar, sich zu beweisen – ein Bedürfnis, das sich in der Realität nicht immer ohne Weiteres befriedigen lässt. Anders in der virtuellen Welt: Hier können sie Fantasiewelten erobern, magische Fähigkeiten erwerben oder finstere Gegner besiegen – schlicht Helden sein. Erfolgserlebnisse sind im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert, negative Gefühle wie Angst, Frustration oder Unsicherheit lassen sich leichter ausblenden. Selbst ein Fehlversuch lässt sich rasch durch ein neues „Leben“ der Spielfigur beheben. Kinder und Jugendliche mit ADHS (v. a. Jungen), die situationsübergreifend beeinträchtigt sind und dadurch emotionale und soziale Probleme aufweisen, sind vermutlich besonders gefährdet, eine Computersucht zu entwickeln. Denn im wirklichen Leben fehlen ihnen häufig Erfolgserlebnisse – im schulischen wie im sozialen Bereich. „Ein konstantes Selbstbild kann sich jedoch nur durch wiederholte positive Erfahrungen entwickeln“, betont Prof. Dr. Michael Huss vom Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Mainz. Computerspiele verhelfen manchmal zu den positiven Bestätigungen, die die Realität nicht oder nur begrenzt bieten kann.

 

Für reale Erfolgserlebnisse sorgen

Ob mit oder ohne ADHS – Kinder, die exzessiv Computer spielen, benötigen vor allem Unterstützung bei der Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls und einer sozialen Integration. „Den Kindern muss zu Erfolgserlebnissen verholfen werden – nicht nur im Zusammenhang mit Leistungen, sondern insbesondere im sozialen und emotionalen Bereich, z. B. im Umgang mit anderen Menschen“, so der engagierte ADHS-Experte und Familienvater Huss. Dabei können ihnen vor allem die Eltern wichtige Hilfestellungen geben, z. B. indem sie Vorbild sind (vgl. Newsletter 3-08). Unterschiedliche Bausteine einer multimodalen ADHS-Therapie wie Psychotherapie, Verhaltenstraining und/oder medikamentöse Behandlung können ebenfalls zur Verbesserung in diesen Bereichen beitragen. Das Selbstbewusstsein kann soweit gestärkt werden, dass das betroffene Kind den Weg zum Erwachsenwerden auch in der wirklichen Welt meistern kann.

Tipps & Tricks für den Alltag

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Unbegrenztes Vergnügen oder verbotene Freude?

Ein komplettes Computer-Spielverbot ist in der heutigen Zeit kaum umsetzbar und auch wenig sinnvoll. Es würde Ihr Kind vermutlich eher dazu verleiten, das Verbot zu umgehen und heimlich – etwa bei Freunden – zu spielen. Ein kindgerechter Umgang mit Konsolen & Co. kann aber erlernt werden. Wichtig ist dabei vor allem die Vorbildfunktion der Eltern, die eine „kontrollierte“ Mediennutzung vorleben sollten. Folgende Regeln und Tipps können dabei helfen (vgl. www.schau-hin.info):

  • Begleiten Sie Ihr Kind anfangs beim Spielen und zeigen Sie Interesse an seinem Hobby. Probieren Sie das Spiel auch selbst einmal aus, wenn sich Ihr Kind darauf einlässt.
  • Vereinbaren Sie klare Regeln, wann und wie lange gespielt werden darf. Generell gilt: 6- bis 10-Jährige sollten nicht länger als eine Stunde am Tag vor dem Computer oder Fernseher verbringen, 11- bis 13-Jährige höchstens 90 Minuten.
  • Überprüfen Sie bei jedem Spiel die angegebene Altersempfehlung und halten Sie sich an die vorgeschlagenen Altersgrenzen.
  • Informieren Sie sich im Internet (z. B. www.internet-abc.de) und in Fachmagazinen über empfehlenswerte Spiele und tauschen Sie sich mit anderen Eltern über Ihre Erfahrungen  aus.

Auf der Webseite www.schau-hin.info der Initiative „Schau hin! – Was deine Kinder machen“, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ins Leben gerufen wurde, erhalten Sie viele weitere nützliche Anregungen zum Umgang mit Fernsehen, Computerspielen, Internet und Handy.

Ist mein Kind computersüchtig?

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Es gibt Anzeichen, die auf ein exzessives Spielverhalten Ihres Kindes hindeuten können. Dazu gehören u. a.:
  • Kontrollverlust über die Spielzeit
  • merkliche Leistungseinbußen im schulischen Bereich
  • Nervosität, Unruhe oder Schlafstörungen
  • Abbruch sozialer Kontakte
  • aggressive Reaktion auf Spielentzug oder -verbot
  • mangelnde Einsicht bei Ansprechen des Problems
 
Folgende Links bzw. Beratungsstellen helfen Ihnen, weitere Anzeichen zu erkennen und die Situation Ihres Kindes genauer einzuschätzen:
  • Einen informativen Beitrag der Sendung „Quarks & Co.“ (WDR) zum Thema Computersucht können Sie sich unter folgendem Link ansehen: www.wdr.de. Eine Mitschrift zum Nachlesen sowie eine Online-Checkliste „Computersucht“, die zusammen mit dem Kompetenzzentrum Verhaltenssucht der Universität Mainz entwickelt wurde, finden Sie hier: www.wdr.de.
  • Das Kompetenzzentrum Verhaltenssucht bietet zudem eine Beratungshotline an: Die Ambulanz für Spielsucht ist montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr unter der Telefonnummer 06131/39-24807 zu erreichen.
 
Besteht der Verdacht auf eine Computersucht sollten Sie unbedingt die Beratung durch einen Psychologen in Anspruch nehmen. 

Service

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In Abenteuerwelten spielend lernen

Dass Computerspiele nicht nur Spaß machen, sondern sogar bestimmte Kompetenzen fördern können, zeigen die folgenden Spieletipps:

  • Das Adventure Learning Game „2weistein“ verbindet im Trend liegende Fantasy-Abenteuer mit klassischen Rechenaufgaben: Der Magier Godron hat das große Wissensbuch Mathematica gestohlen, mit dem er schon bald das Land Trillion beherrschen will. Es bedarf mutiger Helden, um das Werk zurückzuerobern und Trillion vor den finsteren Plänen des Bösewichts zu retten. Dazu sind nicht nur geheimnisvolle Orte zu erkunden, sondern auch mehr als 200 Rätsel und Rechenaufgaben zu lösen.
    Das Spiel beinhaltet den Lernstoff der 2. bis 4. Klasse und ist für Schüler ab sieben Jahren geeignet. Drei unterschiedliche Schwierigkeitsgrade machen es auch für geübte Spieler attraktiv. Es richtet sich zudem ausdrücklich an Kinder mit ADHS: Das Spiel soll die Aufmerksamkeit und Konzentration sowie die Impulskontrolle positiv beeinflussen.
    „2weistein“ wird demnächst im Handel erhältlich sein. Nähere Informationen erhalten Sie unter www.2weistein.de.

Bildquelle: Brainmonster Studios

  • Das Computer-Lernspiel „TAIL“ wurde in Zusammenarbeit mit einem Kinderpsychiater speziell zur Verbesserung der Aufmerksamkeit bei Kindern mit ADHS entwickelt. Die abenteuerliche Reise führt den Spieler hier zu einem Piratenschatz. Im Gegensatz zu den meisten Computerspielen geht es bei „TAIL“ weniger um schnelle Reaktionen, sondern darum, mit Geduld und Köpfchen den richtigen Moment für die nächste Aktion abzupassen. Auf diese Weise sollen Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Handlungsplanung trainiert werden.
    TAIL ist für Kinder ab sechs Jahren geeignet und im Buchhandel (ISBN 3-00-017905-4) oder im Internet unter www.stop-adhs.de zum Preis von ca. 89 Euro erhältlich.

Quellen

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1 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. KIM-Studie 2006. Kinder und Medien, Computer und Internet. Stuttgart, Februar 2007.

2 Grüsser et al. Exzessive Computernutzung im Kindesalter - Ergebnisse einer psychometrischen Erhebung. Wiener Klinische Wochenschrift 2005; 117:188-195.

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