„Man spricht von ‚Freizeitaktivität’, treffender könnte man sagen ‚Freizeitpassivität’.
Erich Fromm (1900-1980), Psychoanalytiker
Internet und Computer sind aus dem Leben – auch von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. 89 Prozent aller 6- bis 13-Jährigen in Deutschland steht zu Hause ein Computer zur Verfügung1. Heute spielen bereits 15 Prozent aller Kinder täglich mit dem Computer, 45 Prozent ein- bis mehrmals pro Woche – Tendenz steigendi. Allein von 2005 auf 2006 nahm die Computernutzung bei den Jungen um fünf Prozent zui. Vielen Eltern fällt es schwer zu beurteilen, wie viel Beschäftigung mit dem Computer ihrem Kind tatsächlich gut tut. Zur Verunsicherung tragen nicht zuletzt auch Berichte über die Zunahme des exzessiven Computerspielverhaltens bei Kindern und Jugendlichen bei. Laut einer Studie erfüllen bereits 9,3 Prozent der 11- bis 14-Jährigen die Kriterien für ein suchtähnliches Verhalten2. Als Folge von Computersucht wurden hier Defizite im Kommunikationsverhalten, in der Konzentrationsfähigkeit und bei der Bewältigung negativer Gefühle festgestellt.
Die Sorge vieler Eltern ist also nicht unberechtigt. Dennoch wäre es falsch, die Nutzung von Computer(-spielen) generell abzulehnen: Der frühe Umgang mit dem sogenannten „4. Kulturgut“ ist vor allem im Hinblick auf den späteren beruflichen Lebensweg wichtig – es gibt kaum noch einen Job, der heute ohne Computer auskommt. Zudem können selbst unterhaltsame Spiele einen didaktischen Nutzen für das Kind haben, indem sie z. B. dessen Problemlösungsfähigkeit schulen. Sogenannte Lern- und Edutainment-Spiele wurden sogar speziell dafür entwickelt, bestimmte Kompetenzen und Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Geschicklichkeit oder Gedächtnisfähigkeit zu trainieren (siehe Rubrik „Service“).
„Im Spiel bin ich der Held“
Bedenklich wird es allerdings dann, wenn ein Kind immer mehr Zeit in der virtuellen Welt verbringt und die Realität darüber an Wichtigkeit verliert. Vor allem für Jungen stellen Computerspiele oft eine Möglichkeit dar, sich zu beweisen – ein Bedürfnis, das sich in der Realität nicht immer ohne Weiteres befriedigen lässt. Anders in der virtuellen Welt: Hier können sie Fantasiewelten erobern, magische Fähigkeiten erwerben oder finstere Gegner besiegen – schlicht Helden sein. Erfolgserlebnisse sind im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert, negative Gefühle wie Angst, Frustration oder Unsicherheit lassen sich leichter ausblenden. Selbst ein Fehlversuch lässt sich rasch durch ein neues „Leben“ der Spielfigur beheben. Kinder und Jugendliche mit ADHS (v. a. Jungen), die situationsübergreifend beeinträchtigt sind und dadurch emotionale und soziale Probleme aufweisen, sind vermutlich besonders gefährdet, eine Computersucht zu entwickeln. Denn im wirklichen Leben fehlen ihnen häufig Erfolgserlebnisse – im schulischen wie im sozialen Bereich. „Ein konstantes Selbstbild kann sich jedoch nur durch wiederholte positive Erfahrungen entwickeln“, betont Prof. Dr. Michael Huss vom Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Mainz. Computerspiele verhelfen manchmal zu den positiven Bestätigungen, die die Realität nicht oder nur begrenzt bieten kann.
Für reale Erfolgserlebnisse sorgen
Ob mit oder ohne ADHS – Kinder, die exzessiv Computer spielen, benötigen vor allem Unterstützung bei der Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls und einer sozialen Integration. „Den Kindern muss zu Erfolgserlebnissen verholfen werden – nicht nur im Zusammenhang mit Leistungen, sondern insbesondere im sozialen und emotionalen Bereich, z. B. im Umgang mit anderen Menschen“, so der engagierte ADHS-Experte und Familienvater Huss. Dabei können ihnen vor allem die Eltern wichtige Hilfestellungen geben, z. B. indem sie Vorbild sind (vgl. Newsletter 3-08). Unterschiedliche Bausteine einer multimodalen ADHS-Therapie wie Psychotherapie, Verhaltenstraining und/oder medikamentöse Behandlung können ebenfalls zur Verbesserung in diesen Bereichen beitragen. Das Selbstbewusstsein kann soweit gestärkt werden, dass das betroffene Kind den Weg zum Erwachsenwerden auch in der wirklichen Welt meistern kann.
Unbegrenztes Vergnügen oder verbotene Freude?
Ein komplettes Computer-Spielverbot ist in der heutigen Zeit kaum umsetzbar und auch wenig sinnvoll. Es würde Ihr Kind vermutlich eher dazu verleiten, das Verbot zu umgehen und heimlich – etwa bei Freunden – zu spielen. Ein kindgerechter Umgang mit Konsolen & Co. kann aber erlernt werden. Wichtig ist dabei vor allem die Vorbildfunktion der Eltern, die eine „kontrollierte“ Mediennutzung vorleben sollten. Folgende Regeln und Tipps können dabei helfen (vgl. www.schau-hin.info):
Auf der Webseite
www.schau-hin.info der Initiative „Schau hin! – Was deine Kinder machen“, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ins Leben gerufen wurde, erhalten Sie viele weitere nützliche Anregungen zum Umgang mit Fernsehen, Computerspielen, Internet und Handy.
Es gibt Anzeichen, die auf ein exzessives Spielverhalten Ihres Kindes hindeuten können. Dazu gehören u. a.:
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Folgende Links bzw. Beratungsstellen helfen Ihnen, weitere Anzeichen zu erkennen und die Situation Ihres Kindes genauer einzuschätzen:
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| Besteht der Verdacht auf eine Computersucht sollten Sie unbedingt die Beratung durch einen Psychologen in Anspruch nehmen. |
In Abenteuerwelten spielend lernen
Dass Computerspiele nicht nur Spaß machen, sondern sogar bestimmte Kompetenzen fördern können, zeigen die folgenden Spieletipps:
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