Die
Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bleiben nicht zwingend im Jugend- und Erwachsenenalter bestehen. Ein Drittel aller Kinder mit ADHS haben das Glück, dass sich die Symptomatik in der
Pubertät verliert. Etwa zwei Drittel der betroffenen Kinder leiden nach den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen auch noch im Jugendalter an der Störung (1,2). Teilweise werden die Symptome sogar erst im Jugendalter erkennbar. Das ist vor allem bei Mädchen der Fall, die in der Kindheit eher durch Zurückgezogenheit, nicht aber durch Hyperaktivität auffielen. Das besonders bei Jungen ausgeprägte hyperaktive Verhalten nimmt mit der Pubertät eher ab. Häufig bleibt aber eine innere Unruhe oder Getriebenheit bestehen (2).
Bei einigen ADHS-Kindern kann die Pubertät später auftreten. Die Probleme dieses Entwicklungsabschnitts treten häufig deutlicher hervor als bei den Gleichaltrigen. Ablösungsprozesse von den Eltern sind ausgeprägter und nehmen teilweise für die Eltern unerträgliche Formen an. Die verzögerte Entwicklung mancher Teenager lässt sich daran erkennen, dass Verhaltensweisen vorhanden sind, die dem Jugendalter noch nicht entsprechen, sondern vielmehr dem Kindesalter zugehören (2, 3).
Manche
Jugendliche mit ADHS vermischen nach wie vor Realität und Fantasie so wie es Kinder bis zu acht Jahren tun. Es mangelt ihnen an altersentsprechendem Reflexionsvermögen und sie beharren stark auf ihrer eigenen Sichtweise. Bei Meinungsverschiedenheiten reagieren sie mit Widerworten, laut vorgebrachten Gegenargumenten und aggressivem Verhalten. Sie sind zudem sehr kritikempfindlich. Fühlt sich der Jugendliche missverstanden oder provoziert, kommt es zum unkontrollierten Wutausbruch. Autoritäten zu akzeptieren, fällt vielen ADHS-Jugendlichen schwer. Ein stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn bewegt einige aber auch dazu, sich für andere spontan und vehement einzusetzen (3).
Die geringe Fähigkeit zur Ausdauer setzt sich im Jugendalter fort, teilweise gepaart mit mangelndem Antrieb und Interesselosigkeit. Die Berufswahl gestaltet sich daher als schwierig. Wie zur Kindergarten- und
Schulzeit stoßen die Jugendlichen mit ihren charakteristischen Verhaltensmuster auch in der Berufsausbildung auf Ablehnung und mangelndes Verständnis. Sie wirken auf Arbeitgeber missgelaunt, desinteressiert und faul. Rebellisches und vorlautes Verhalten führen oft dazu, dass das Arbeitsverhältnis schnell wieder gelöst wird (3). Manche Teenager sind zwar überwiegend unauffällig, plötzliche heftige Wutausbrüche erschweren jedoch das Verhältnis zu den Arbeitskollegen (1).
Vordergründig wirken
Jugendliche mit ADHS völlig von sich überzeugt und selbstbewusst. Hinter ihrem Ich-bezogenen Verhalten verbirgt sich aber meist eine große Verletzlichkeit. Sie leiden darunter, dass sie nicht so sind wie andere. Entweder resignieren sie, oder sie wollen um jeden Preis akzeptiert werden. Mädchen entwickeln mitunter eine starke Fixierung auf Äußerlichkeiten und glauben abgelehnt zu werden, weil sie nicht perfekt aussehen. Aus dieser Annahme heraus können sich Ess-Störungen oder ein Hang zur Selbstverletzung entwickeln.
Manche ADHS-Jugendliche lassen sich in extremem Ausmaß tätowieren oder piercen. Häufig tun sie sich mit anderen "Exoten" (Peergroup) zusammen. Ihre Offenheit gegenüber allem Neuen und ihr mangelnder Sinn für Gefahreneinschätzung macht sie besonders anfällig für risikoreiches Verhalten und das Experimentieren mit Drogen.
Die Jugendlichen sind häufig auf der Suche nach Extremen und wollen alles ausprobieren. Aus gemachten Fehlern lernen sie meist nicht. Sie leben im Hier und Jetzt. Für sie ist vieles immer wieder neu. Die Fähigkeit abzuwägen, zu vergleichen, zu relativieren, Einsichten zu entwickeln, auch abwarten zu können und einen realistischen Überblick über die Situation zu erhalten, bleibt Jugendlichen mit ADHS lange verwehrt. Daher sind sie leicht zu beeinflussen. Zwar ist der Wunsch nach Unabhängigkeit meist sehr ausgeprägt, Jugendliche mit
ADHS neigen aber dazu, sich immer wieder von anderen Personen abhängig zu machen und sich viel zu früh an einen Partner zu binden. Oft werden sie auch viel zu früh Eltern (2).
Jugendliche mit ADHS sind häufig stimmungslabil. Depressive Verstimmungen treten ohne erkennbare Gründe auf und können bis zur Selbstmordgefährdung reichen (3). Mit heftigen Gefühlen reagieren sie, wenn sie verliebt sind. Es besteht ein starkes Bedürfnis nach Harmonie, es mangelt aber an der Fähigkeit, sich in andere einzufühlen und auf deren Bedürfnisse einzugehen. Der Partner wird häufig aus Eifersucht überkontrolliert und in Beschlag genommen, was nicht selten mit unkontrollierten Wutausbrüchen verbunden ist. Der eigene Anteil am Verhalten der Mitmenschen wird jedoch nicht erkannt. Eine gleichberechtigte Beziehung fällt ihnen daher schwer. Aus Angst vor Negativreaktionen ziehen sich die Jugendlichen oft völlig zurück. Häufig besteht eine ausgeprägte Angst vor dem Verlassenwerden. Eine Trennung wird mit heftigen Gefühlen erlebt (2).
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